Review: Die Kinder lassen grüßen

Eine Film-Review des Missbrauchsfilmes „Die Kinder lassen grüßen„, den ich sehr empfehle, rund um Opfer der katholischen Kirche in Österreich, die sich erstmals vor der Kamera äußern. Dabei wird nicht nur unsägliches Leid durch den Missbrauch, sondern auch nach dem Missbrauch durch das prozesstaktische Verhalten der Täter und deren Vertreter deutlich.

Die Kinder lassen grüßen

Ein Dokumentarfilm von Patricia Marchart

Begleitet von der Kamera suchen die Betroffenen die Tatorte von damals auf, viele machen ihre Geschichten erstmals öffentlich, auch ihre Familien erfahren zum ersten Mal von diesem verschwiegenen Schmerz. Ein beklemmender Einblick in das wohl größte Verbrechen der Nachkriegszeit. Der nicht aufgearbeitete Missbrauch bleibt ein Trauma quer durch die Gesellschaft, ermöglicht durch ein Milieu der Unterdrückung und der Gottesfürchtigkeit. Eine Anklage, die sprachlos macht, aber auch Hoffnung.

Selten war O-Ton so eindringlich wie in diesem Film: Die Worte, mit denen das erste Opfer seinen Missbrauch beschreibt, lassen jeden erschrecken und erschaudern, insbesondere wenn Detailbilder geschildert werden.

Ich musste im Heim bleiben, mit diesen beiden Patres alleine.

Mir wurde gesagt, ich darf mit keinem darüber reden…

Es wurde alles versucht mich einzuschüchtern.

um nur drei Originalaussagen von Opfern zu zitieren. In eindringlichen Bildern und O-Ton schafft es Patricia Marchart, eine beklemmende Atmosphäre einzufangen.

Sie heißen Georg, Inge, Jo, Sepp, Paula, Walo, Anita, Klaus und Klaus.

Sie heißen Georg, Inge, Jo, Sepp, Paula, Walo, Anita, Klaus und Klaus. Sie waren Ministranten, Schüler, Schutzbefohlene, Heimkinder und wurden von Priestern und Nonnen sexuell, emotional und körperlich misshandelt.

Begleitet von der Kamera suchen die Betroffenen die Tatorte von damals auf, viele machen ihre Geschichten erstmals öffentlich, auch ihre Familien erfahren zum ersten Mal von diesem verschwiegenen Schmerz. Ein beklemmender Einblick in das wohl größte Verbrechen der Nachkriegszeit. Der unaufgearbeitete Missbrauch bleibt ein Trauma quer durch die Gesellschaft, ermöglicht durch ein Milieu der Unterdrückung und der Gottesfürchtigkeit. Bis heute sind Kirche und Staat Verbündete dieser Vertuschung. Eine Anklage, die sprachlos macht, aber auch Hoffnung: „Ich habe alles gesagt, ich bin jetzt kein Opfer mehr“, sagt Jo, einer der Protagonisten des Films.

Wahrheitsmaterial. Nichts mehr und nichts weniger.

Statement Patricia Marchart

Als wir die Idee zu diesem Film hatten, war unklar, ob wir überhaupt Menschen finden würden, die vor der Kamera über den Missbrauch, der ihnen angetan wurde, erzählen. Bewusst gab es das Angebot an alle das Gespräch entweder anonym oder unter ihrem Namen zu führen. Es kam ganz anders. In kürzester Zeit meldeten sich so viele Betroffene, dass wir nicht allen zusagen konnten. Alle wollten das was ihnen angetan wurde unbedingt unter ihrem eigenen Namen erzählen.

Der ganze Film ist von einer Urkraft getragen, die von den Betroffenen ausging, damit das Schweigen ein Ende hat.
Vor dem ersten Interview wusste ich nicht, was passieren würde. Die Kamera war unser unabhängiger Beobachter, der alles nach außen transportierte. Ich hatte mir bewusst nichts vorgenommen. Die Betroffenen erzählten ihre Geschichten ganz von selbst. Als ob sie seit Jahrzehnten auf jemanden gewartet hätten, dem sie alles erzählen können. Was ich hörte, war schlimmer, als ich es mir je vorgestellt hatte. Ich bekam kaum Luft, meine Knie zitterten.

Was diesen Menschen, von Priestern, Nonnen und Angehörigen der katholischen Kirche angetan wurde, kann man mit Worten kaum beschreiben. Das können nur die Menschen selbst erzählen.

(…)

Die Betroffenen haben mir ein unglaubliches Vertrauen und eine Offenheit entgegengebracht. Darin steckte so viel Energie der Hoffnung und Lebenskraft die den ganzen Film trägt und überhaupt erst möglich gemacht hat. Dieser Film wollte gemacht werden. Die Menschen, die mitwirkten, haben diesen Film gemacht. Meine Rolle war eigentlich nur mit großer Achtsamkeit und der Kamera anwesend zu sein und zu versuchen ihren Geschichten gerecht zu werden.

Wahrheitsmaterial. Nichts mehr und nichts weniger.
 Es sind die Geschichten der Betroffenen. Ich danke den Mitwirkenden von ganzem Herzen, die bereit waren, diesen Film zu machen.

(Quelle)

Und genau so ist der Film geworden: Eindringlich, Urkräftlich, Unnachahmlich. Dieser Film sollte von allen Gläubigen gesehen werden, um ein etwas anderes Bild auf die katholische Kirche zu werfen.

Verein Plattform Betroffener Kirchlicher Gewalt

Der Verein Plattform Betroffener Kirchlicher Gewalt (in Österreich!) unterstützt diesen Film. Anders als in Deutschland ist dort in Österreich viel mehr erreicht worden als wir es uns auch nur vorstellen in Deutschland. Ich wünschte mir, dass dieses Beispiel – nicht nur was den Film angeht, sondern auch was die Rechtsentwicklung für Heimopfer angeht, ein Beispiel für Deutschland. Die Kinder lassen grüßen!

 

(Update 27.02.2018)

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